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Einführung

In diesem Kapitel sind Dokumente versammelt, die ein spezifisches Arbeitsformat der langjährigen Auseinandersetzung von Theaterpraktiker*innen und Künstler*innen mit der theatralen Biomechanik Meyerholds repräsentieren. Die Demonstrationen vermitteln über ein zeitlich begrenztes, öffentliches Veranstaltungsformat Einblicke in die komplexen Wirkungszusammenhänge der theatralen Biomechanik.
Anhand der ausgewerteten Materialien lassen sich zwei verschiedene Arten von Demonstrationen unterscheiden; jene von Gennadij Bogdanow in zahlreichen Ländern persönlich realisierten Demonstrationsvorträge sowie die im Zusammenhang mit von Bogdanow geleiteten Workshops, Proben- und Inszenierungsprozessen entstandenen Arbeitsdemonstrationen, an denen in der Regel kleinere oder größere Gruppen von Akteur*innen mitwirkten.


Demonstrationsvorträge

Gewissermaßen als eine Vorstufe zu den von Bogdanow später beständig weiterentwickelten Demonstrationsvorträgen steht ein Videodokument, das Bogdanow zusammen mit seinem langjährigen Arbeitspartner, dem Moskauer Regisseur Alexej Lewinskij realisierte. Bogdanow und Lewinskij erhalten in den 1970er Jahren am Moskauer Theater der Satire durch Nikolaj Kustow, den früheren Instrukteur für die theatrale Biomechanik am Meyerhold-Theater, eine Ausbildung in Biomechanik. Sie perfektionieren und erweitern durch ein kontinuierliches Training ihre physische Erfahrung beständig.
Ein TV-Beitrag des Russischen Kanal Kultura1 zeigt kurze Aufnahmen vom Biomechanik-Training im Theater der Satire unter der Leitung von Nikolaij Kustow. Die kurze Filmsequenz ist das bislang historisch erste und einzige audiovisuelle Zeugnis für die Weitergabe der Biomechanik durch Nikolaj Kustow an Gennadij Bogdanow und Alexej Lewinskij.
 Durch den Zufall, dass ein Gaststudent am damaligen GITIS über eine Videokamera verfügte, ergab sich in den 1970er Jahren die Möglichkeit einer audiovisuellen Aufzeichnung der Trainingsroutine sowie der Aufführung von biomechanischen Etüden und Bewegungselementen, ausgeführt von Bogdanow und Alexej Lewinskij. Im Unterschied zu Bogdanows späteren Demonstrationsvorträgen zeigt dieses Dokument (leider in keiner guten Videoqualität) eine eher improvisierte Kombination aus physischen Darstellungen von Bewegungsabläufen und verbalen Erläuterungen. Die über zwei Stunden lange Aufnahme ist ein erster experimenteller Versuch des filmischen Dokumentierens der Biomechanik. Der Adressat dieser Demonstration ist kein konkretes Publikum sondern die abstrakte, zu dem Zeitpunkt noch relativ unbekannte Videotechnologie.

Von der vermutlich ersten öffentlichen Demonstration einiger Etüden der theatralen Biomechanik auf einem internationalen Theaterkongress 1990 in Moskau, ebenfalls im Zusammenwirken von Bogdanow und Lewinskij realisiert, konnten bislang keine Dokumente ausfindig gemacht werden.

Ide van Heiningen, damaliger Direktor des Niederländischen Mime Centrum, der diese Demonstration sah, lud Bogdanow im Frühjahr 1991 zu Demonstrationen der Biomechanik an die Universitäten von Utrecht und Amsterdam ein. Von der ersten im Ausland realisierten Demonstration Bogdanows im Februar 1991 in Utrecht ist eine Aufzeichnung mit einer Einführung durch van Heiningen erhalten. Diese zeigt das von Bogdanow dann über Jahre weiterentwickelte Format des DemonstrationsvortragesEs besteht aus einem kurzen Vortrag zur historischen Entstehung der theatralen Biomechanik und der physischen Darstellung und Erläuterung der Prinzipien und ihrer Trainingsform, der Etüden. In Utrecht präsentiert Bogdanow die beiden für seine Demonstrationen typisch gewordenen Soloetüden „Der Steinwurf“ und „Der Schuss mit dem Bogen“. Seinen Abschluss findet die Demonstration mit dem Lucky-Monolog aus Becketts „Warten auf Godot“, das am Moskauer Theater der Satire im Jahre 1983 in der Regie von Lewinskij uraufgeführt wurde (Aufführungen und Inszenierungen).

Sowohl in Utrecht als auch bei fast allen späteren Demonstrationen dieser Art folgt in der Regel ein Dialog zwischen Bogdanow und Teilen des Publikums.
Im September 1991 veranstaltet das niederländische Mime Centrum in Amsterdam den Gründungskongress der Europäischen Mime Föderation (EMF). Neben der von Étienne Decroux begründeten mime corporel dramatique repräsentiert die theatrale Biomechanik Meyerholds das zweite zentrale Thema dieser Konferenz und wird so erstmals (wieder) in einem internationalen Kontext wahrgenommen. Unmittelbar im Vorfeld des Kongresses findet am Veranstaltungsort, der Felix Meritis Foundation Amsterdam, erstmals ein mehrtägiger Workshop unter Leitung Bogdanows statt, zu welchem insbesondere Zuhörer*innen der zuvor in Utrecht und Amsterdam realisierten Demonstrationsvorträge eingeladen werden.

Die Verbindung von Demonstrationsvortrag und körperlich praktischer Vermittlung in unterschiedlichen Workshop-Formaten wird von nun an in wechselnden Konstellationen zu einem wesentlichen Moment der internationalen Wahrnehmung und praktischen Erkundung der Biomechanik: Einerseits stellen Bogdanows Demonstrationsvorträge für viele Interessent*innen die erste Begegnung mit der Biomechanik überhaupt dar. Anderseits werden sie Bestandteil der Abschlusspräsentationen vieler Workshops und zielen auf eine Vertiefung und Reflexion der im Workshop gemachten praktischen Erfahrungen.
Unmittelbar im Anschluss an den Workshop und die Demonstration zum 1. Kongress der EMF realisiert das Mime Centrum Berlin mit Gennadij Bogdanow erstmals einen aus Demonstration und Workshop bestehenden Arbeitskomplex in Berlin.

Die am 04.10.1991 auf der Probebühne des Berliner Ensemble organisierte Demonstration erweitert das von Bogdanow in Utrecht und Amsterdam bereits realisierte Format des Demonstrationsvortrags um ein weiteres Element: einen mit Film- und Fotoprojektionen angereicherten einführenden Vortrag. Der niederländische Theaterwissenschaftler Loek Zonneveld hatte sich im Kontext der vom Niederländischen Mime Centrum entwickelten Initiative zur Verbreitung des Wissens um die Biomechanik mit deren historischen Entstehungszusammenhängen im Umfeld der russischen Avantgarde beschäftigt.

Die Veranstaltung im Berliner Ensemble ist eine Reminiszenz an einen von Meyerhold am 18. April 1930 im Theater am Schiffbauerdamm unter dem Titel „Mein System“ gehaltenen Vortrag.2 Der Vortrag stand damals in Verbindung mit einer Vorführung der „Trainings-Exerzitien für Schauspieler“ unter Leitung von Sossima Pawlowitsch Slobin, einem weiteren Instrukteur für Biomechanik am Meyerhold-Theater. In gewisser Weise beruhen sowohl die Demonstrationsveranstaltung auf der Probebühne des Berliner Ensemble 1991 wie auch die beständig weiterentwickelten Demonstrationsvorträge von Bogdanow auf dieser von Meyerhold selbst praktizierten Verbindung von Vortrag und Demonstration.

Mit seinen Demonstrationsvorträgen erhält Gennadij Bogdanow ab 1991 internationale Einladungen. Vielfach bilden sie den Auftakt für eine intensivere Zusammenarbeit mit Theatern, Universitäten, Schauspielschulen oder einzelnen, besonders an der Biomechanik interessierten Schauspieler*innen, Regisseur*innen oder Pädagog*innen. Mitunter werden die Demonstrationsvorträge zu einem Impuls für komplexere Arbeitsprozesse, denen nach Workshops oder längeren Trainingsperioden auch Proben- und Inszenierungsprojekte folgen und die in einigen Fällen auch eine zum Teil über Jahre andauernde Zusammenarbeit begründen. Von einigen dieser weiteren Demonstrationsvorträge existieren am Internationalen Theaterinstitut filmische Dokumentationen.
Das große internationale Interesse an der theatralen Biomechanik zeigt sich auch in den mehrfachen Einladungen Bogdanows zu der von Eugenio Barba begründeten Internationalen Schule für Theateranthropologie (ISTA), dem Internationalen Workshop-Festival London (1999) sowie zu den Forschungssymposien des Centre for Performance Research Cardiff/Aberystwyth (1995) oder des Grotowski-Centrums in Wroclaw (1995).


1Beitrag vom 21.02.2017: „наблюдатель“ https://tvkultura.ru/video/show/brand_id/20918/episode_id/1471313/video_id/1590372/, Abgerufen am: 18.06.2018.

2Dieser Titel wiederum beinhaltet, so kann man zumindest annehmen, den (ironischen) Verweis auf Stanislawskij und „sein System“ der Schauspielausbildung.


Arbeitsdemonstrationen

Als Ergebnis intensiver Formen der Zusammenarbeit Bogdanows mit Universitäten, Theaterschulen und anderen Institutionen entwickelt sich über die Jahre ein weiteres öffentliches Veranstaltungsformat, das sich in der Regel unmittelbar aus praktischen Arbeitsprozessen ergibt. Zumeist sind es Workshops mit in der Biomechanik schon erfahrenen Akteur*innen, deren Ergebnisse im Trainingsprozess wie auch in der experimentellen Erkundung und Anwendung in verschiedenen Formen szenischer Arbeit von öffentlichem Interesse sind.
 Eine erste solche Arbeitsdemonstration fand auf dem 2. Kongress der EMF im Mai 1993 in der Berliner Akademie der Künste statt.

Ihr vorangegangen sind die ersten einführenden Workshops Bogdanows in den Niederlanden, in Frankreich, Italien, Griechenland und Deutschland. Teilnehmer*innen aus diesen Arbeitsprozessen finden sich im Januar 1993 zu dem vom Mime Centrum und dem GITIS gemeinsam organisierten ersten internationalen Biomechanik-Workshop in Moskau zusammen. Mit den Workshop-Teilnehmer*innen sowie einigen von Bogdanow am GITIS schon in der Biomechanik ausgebildeten Studierenden experimentiert dieser Workshop von Fortgeschrittenen bereits mit herausfordernden artistisch-akrobatischen Elementen, so u.a. mit der Arbeit auf Bühnenkonstruktionen unterschiedlicher Höhen sowie geneigten Ebenen.

Aus Teilnehmer*innen des internationalen Workshop in Moskau bildet sich eine Gruppe von Darsteller*innen aus den Niederlanden, Österreich, Deutschland, den USA und Russland, welche für den Berliner EMF-Kongress eine Arbeitsdemonstration vorbereitet. Im Kongressprogramm steht diese Arbeitsdemonstration im Kontext eines größeren thematischen Schwerpunkts zur Biomechanik. Dazu gehört die Aufführung wieder aufgenommener Ausschnitte aus der Inszenierung von „Warten auf Godot“ des Moskauer Theater der Satire (1983, Regie: Alexej Lewinskij), ausgeführt von Bogdanow und seinem Schauspielpartner Alexandr Wojewodin. Hinzu kommt eine Diskussionsveranstaltung, bei der erstmals die beiden wichtigen Vertreter sowohl der amerikanischen als auch der sowjetisch-russischen Rekonstruktionslinie der Biomechanik, Mel Gordon und Gennadij Bogdanow, in einen Dialog treten.1
Aus den audiovisuellen Beständen des Internationalen Theaterinstituts konnten zwei weitere Dokumente in das Digitalisierungsprojekt aufgenommen werden. Dies ist zunächst eine Dokumentation einer unmittelbar aus einem Workshop für Fortgeschrittene heraus entstandenen Arbeitsdemonstration in der Berliner Staatsoper Unter den Linden im November 2002. Der Ort der Demonstration stand im Zusammenhang mit einer seinerzeit geplanten Kooperation Gennadij Bogdanows mit dem amerikanischen Komponisten und Dirigenten Ari Benjamin Meyers zur Anwendung der Biomechanik in der Inszenierung von Schostakowitschs Oper „Rothschilds Geige“ und in Schostakowitschs Oper „Die Nase“. Wiederum zeigt die Demonstration auch Ergebnisse eines vorangegangenen Workshops am Mime Centrum Berlin.
Im Prozess der regelmäßig vom Mime Centrum Berlin organisierten Workshops bilden sich durch die kontinuierliche Teilnahme einer Reihe von Schauspieler*innen mit der Zeit verschiedene Level heraus. Über die Einführungsworkshop und jene für Fortgeschrittene hinaus entsteht ein besonderes Interesse an der Anwendung der erlernten biomechanischen Arbeitsweise in konkreten szenischen Umsetzungen. Dabei werden Möglichkeiten erkundet, die Arbeit an der theatralen Biomechanik mit unterschiedlichen Dramaturgien zu verbinden; sie reichen von an der Commedia dell'arte orientierten Arbeiten über Szenen aus Shakespeares Dramen bis hin zu zeitgenössischen Texten etwa von Slawomir Mrożek.


1Vgl. dazu den Abschnitt zum 2. Kongress der EMF im Kapitel Kontext und Reflexion.