INTERNATIONALES THEATERINSTITUT / MIME CENTRUM BERLIN

MEDIATHEK

FÜR TANZ

UND THEATER

MCB-DV-5812

Hommage an das Zaudern

Autorenschaft
Beschreibung

DER EINE UND DER ANDERE SIND SIE. Es sind zwei auf der Bühne, aber beide sind Sie. Es sind zwei von einem selben Körper. Es ist der Ihre. Er ist es, der ihre Kadenzen, ihr Auftreten, ihre Pausen annimmt. Sie nähern sich an und sie rücken von sich ab, so wie ein Körper mit sich selbst verfährt. Wenn ein Körper überhaupt "sich selbst" ist, wenn er der selbe mit sich ist oder wenn er sich ist. Zweifellos ist er es nur, indem er sich von sich trennt. Wie alles "sich", das nur Rückkehr zu "sich" ist, Wiederholung des sich ohne Anfangspunkt. Jeder ist hier der Anfang des anderen. Jeder widerspiegelt den anderen oder
wiederspielt ihn, aber nichts ist identisch. Identisch ist nur ihr Körper, der ihre doppelte Kadenz annimmt, ihr Auftreten im Spiegel, ihre entstimmte Pause. Jeder ist eine der Spiegelseiten, eine der Körperseiten, seine rechte, seine linke, seine vordere oder seine hintere, seine Erhebung oder sein Sitz. Jeder ist die Anbindung oder die Losbindung seiner Gesten: jener des anderen oder jener des selben und des
anderen des anderen. Jeder heftet sich an den anderen, indem er sich streichend ablöst. Jeder ruft den
anderen und jeder vermeidet ihn. Es gibt Ähnlichkeit nur durch Unterschied. Natürlich geschieht das bei Ihnen: Es ist diese Fluidität bei Ihnen von einem Körper, der sich zu seiner eigenen Unentschiedenheit stimmt, zu seinem unstabilen Gleichgewicht am Rande des Laufs, des Halts oder der Beugung. Die
Unentschiedenheit einer Musik, eines vielleicht kaum ausgesprochenen Worts, eines Entwickelns ohne Erzählung, eines Einwickelns ohne Einschluss.(Jean-Luc Nancy über das Stück "Hommage an das Zaudern")
DAS ZAUDERN FÜHRT EINE PREKÄRE EXISTENZ. Es hat kaum Konjunktur in einer Epoche der totalen Ökonomisierung, in der es keine Zeit und keinen Raum für Denkweisen zu geben scheint, die sich lieber der Komplexität und Vielfalt einer Situation widmen. Stattdessen findet eine Vereinfachung statt, die zwar vielleicht "rentable" Entscheidungen ermöglicht, aber die Variation der Möglichkeiten und die Pluralität der Richtungen dabei gleichzeitig zerstört. Zaudern könnte eine kritische Haltung sein, die diese Art zu denken radikal unterbricht. In seinem neuen Tanzstück choreografiert Laurent Chétouane das Zaudern nicht als Unentschlossenheit oder Handlungsschwäche, sondern vielmehr als Öffnung der Bewegung hin zur Mannigfaltigkeit. Damit befragt er auch die Ökonomie des Tanzes und zeigt, was der Tanz alles sein könnte: Zwei Tänzer und ein Pianist kreieren einen "Zauderraum", der die Handlungslogik unterläuft, indem die Lücken zwischen den Entscheidungen betreten werden, um dort Neues, Vergessenes, Nicht- Geachtetes wahrzunehmen, und diese als Optionen gleichzeitig nebeneinander existieren zu lassen. In einer Ethik der Pluralität.

[Quelle: Abendzettel]

Choreographie
Darsteller
Joris Camelin, Rémy Hériter
Standorte
MCB
Aufnahmedatum
Freitag, 10. Februar 2012
Orte
Stadt
Berlin
Land
Deutschland
Kamera
Walter Brickmann
Länge
85 min