INTERNATIONALES THEATERINSTITUT / MIME CENTRUM BERLIN

MEDIATHEK

FÜR TANZ

UND THEATER

MCB-DV-9013

Tanz Akut

Beschreibung

Tanz Akut

I. Das gemischte Programm Tanz Akut fand im November 1990 an insgesamt zehn Terminen im Theater am Halleschen Ufer in Berlin statt. Tanz Akut ist ein gemischter Abend, an dem unterschiedliche Choreograph*innen und Gastchoreograph*innen der Tanzfabrik eine Folge kurzer Stücke präsentieren. Die Aufzeichnung der Stücke fand am 24.11.1990 durch den Filmemacher Lutz Gregor statt.1 Vier der fünf Stücke des Abends finden sich samt Titel, Vor- und Abspann auf dem Band: Foothills sowie Prairie von Jacalyn Carley, Oda von Claudia Feest und Moving Target von Frey Faust.

Aus unbekannten Gründen fehlt bei dieser Aufzeichnung das auf dem Abendprogramm aufgeführte Stück I know a girl who... von Jeanne Ayling. Die Stücke wurden nachträglich geschnitten und mit Titeln versehen und befinden sich in anderer Reihenfolge als auf dem Programmblatt abgedruckt.

Foothills

(Dauer: 15 Min.; Choreographie: Jacalyn Carley; Tänzer*innen: Jeanne Ayling, Annette Klar, Kurt Koegel, Ka Rustler und Sylvia Scheidl, Produktion: Several Dances Core / Goethe Institut Atlanta / Tanzfabrik Berlin)

I. Das Tanzstück Foothills wurde 1989 im Auftrag der Tanzcompany Several Dancers Core aus Atlanta, USA mit Unterstützung des Goethe-Instituts von Jacalyn Carley choreographiert. 1990 übertrug sie das Stück für die Tanzfabrik Berlin und präsentierte es mit den fünf Tänzer*innen Jeanne Ayling, Annette Klar, Kurt Koegel, Ka Rustler und Sylvia Scheidl im Rahmen des Programms von Tanz Akut. Lutz Gregor arbeitet in dieser Video-Aufzeichnung mit mehreren Kameraperspektiven und Überblendungen.

II. Auf einer großen leeren Bühne tauchen aus der Dunkelheit fünf Tänzer*innen in Bewegung auf. Von Band erklingt das dynamische Musikstück The Caffeine Effect von Fast Forward.
Die Tanzenden tragen farbige kurze T-Shirts und halblange weite Hosen. Sie bewegen sich sowohl synchron als auch versetzt in unterschiedlichen Konstellationen oder einzeln über die Bühne.

Die Bewegungen in diesem Stück, wie Drehungen, Sprünge, Gehen sowie Hebe- und Trageelemente aus der Contact Improvisation sind geprägt von formaler Klarheit und wirken zugleich leicht und spontan. Inmitten der betont linearen Bewegungssprache suchen die Tänzer*innen den Blickkontakt zueinander und erzeugen dadurch humorvolle Momente. Mit der Zeit wird die Bühne heller und der Tanz wird durch farbige Lichtprojektionen ergänzt.

Prairie

(Dauer: 9 Min.; Choreographie/Tanz: Jacalyn Carley; Musik: Alexander Skrjabin: Konzert für Klavier und Orchester, fis-moll, Opus 20, 2. Satz, gespielt von Vladimir Ashkenazy, London Philharmonic Orchestra)

I. Das kurze Solo-Stück Prairie wurde 1990 von Jacalyn Carley choreographiert und getanzt. Es wird in dieser Aufzeichnung als Work-in-progress präsentiert.

II. Die Tänzerin bewegt sich auf der großen Bühne vor unmerklich wechselndem farblichen Hintergrund, der von dem Licht-Designer Eric Veenstra kreiert wurde. Carley tanzt zu einer dramatischen und gefühlsbetonten Konzertmusik für Klavier und Orchester von Alexander Skrjabin, in der langsame getragene Passagen sich mit spielerischen schnellen Momenten abwechseln. In der anfänglichen blauen Dunkelheit sind vor allem ihre weiße kurze Hose, die weißen Schuhe, sowie ihre nackten Arme, Unterschenkel und ihr Gesicht zu erkennen. Mit fortschreitender Dynamik der Musik und der Bewegungen färbt sich die Hintergrundprojektion zunehmend rötlich. Das Lichtspiel weckt die Assoziation landschaftlicher Weite unter einem farbintensiven Sonnenaufgang. Die Tänzerin bewegt sich zeitweise direkt vor der Projektion auf der hinteren Wand im Seitenlicht, was ihre alleinige Anwesenheit auf der Bühne betont. Sie nutzt sowohl intensiv den Boden, rollend, sich abstützend und in der Hocke, als auch die Weite des Raumes mit Drehungen und Sprüngen.

Oda

(Dauer: 12 Min.; Konzept/Tanz: Claudia Feest)

I. Das Solotanzstück Oda aus dem Jahr 1990 wurde choreographiert und getanzt von Claudia Feest. In dem Stück bezieht sich Feest auf die deutsche Tänzerin und Bildhauerin Oda Schottmüller, die aufgrund ihres aktiven Widerstands im Nationalsozialismus als Mitglied der Roten Kapelle 1943 im Zuchthaus Plötzensee enthauptet wurde. Außerdem fand eine Passage aus Botho Strauß' Roman „Kongreß. Die Kette der Demütigungen“ Eingang in das Stück. In diesem Text gibt es eine Figur namens „Oda“.2

II. In dem anfänglich in Dunkelheit getauchten, hohen und dreieckig angeordneten Bühnenraum erklingt Arvo Pärts Stück „Fratres“. Aus der hinteren Ecke kommend, geht Feest langsam Richtung Publikum. Sie trägt ein langes, hoch geschlossenes, graues Kleid und balanciert ein Buch auf ihrem Kopf, welches sie am vorderen Bühnenrand vor dem Publikum aufgeschlagen niederlegt.

Die äußerst karge und kühle Raumsituation ist durch harte Kontraste von Licht und Schatten geprägt. Kaltes weißes Licht, zwei metallene hochaufragende Stühle und an den Wänden stehende hohe rechteckige Leinwände, beschrieben mit kalligraphischen Zeichen und Zeichnungen undefinierbarer Worte bestimmen den Raum.

Die Strenge und Dramatik der Atmosphäre könnten auf die Gefängnissituation, in der sich Oda Schottmüller befand, verweisen. Feest zeigt eine Frau, die sich zwischen gelesenen Büchern und geschriebenen Texten bewegt, zumal die Tänzerin vor ihrer Hinrichtung zu Einzelhaft ohne Kontakt zu Menschen verurteilt war und währenddessen unzählige Briefe an Freunde schrieb. So erinnern die zu einem Dreieck im Raum angeordneten Leinwände an die aufgeschlagenen Seiten eines übergroßen Buches.3

Feest bezieht die Stühle, deren metallene Gitterstruktur erneut das Gefängnis heraufbeschwört, in den Tanz mit ein. Während sie sich in umgekehrter Stellung, mit dem Kopf am Boden und den Füssen nach oben, auf einem Stuhl bewegt, spricht sie einen Monolog. Sie zitiert darin eine Passage aus dem Text von Botho Strauß, die nach dem Verschwinden des Ichs am Ende des Lebens fragt.4

Im Weiteren nimmt sie tanzend einen Stapel Bücher von dem anderen Stuhl auf, verliert jedoch während ihrer rasanten Bewegung durch den Raum einzelne davon. Über den Boden rollend vertieft sie sich in eines der Bücher, welches zugleich Trost und Schutz zu bieten scheint. In kämpferischen Posen wirbelt sie über die Bühne und sinkt schließlich auf einem Stuhl nieder, wo sie ihr Kleid über der linken Brust öffnet und der herabhängende Innenstoff, sowie das darunterliegende Unterhemd rot zum Vorschein kommen. Mit an die Brust gepressten Büchern verlässt sie die Bühne rückwärts gehend in einem Spalt von Licht, der zuletzt erlischt.

Moving Target

(Dauer: 20 Min.; Choreographie: Frey Faust; Tänzer*innen: Jeanne Ayling, Annette Klar, Kurt Koegel, Helge Musial)

I. Das Stück Moving Target aus dem Jahr 1990 stammt von dem Gastchoreographen Frey Faust. Als Tänzer*innen treten Jeanne Ayling, Annette Klar, Kurt Koegel und Helge Musial auf.

II. Auf einer großen Bühne unterteilen zwei hintereinander stehende Gazebahnen den Raum. Von Band erklingt eine zwischen verschiedenen Stilen changierende Musikkomposition von Phillip Phrazer(?). Vor, hinter und zwischen den halbtransparenten und verschiedenfarbig beleuchteten Stoffbahnen bewegen sich vier Tänzer*innen. Durch die Lichtsetzung zeichnen sich die Silhouetten der hinter den Stoffebenen entlanglaufenden Tänzer*innen darauf ab und überlagern sich mit den gerade im Vordergrund vorbeieilenden Körpern sowie mit deren Schatten. In der Dopplung werden die Körperformen diffus. Je nach Beleuchtung verändert sich die Blickdurchlässigkeit der Stoffe.

Nach dem ersten Drittel überragen auf die Bühnenrückwand projizierte Motive, gleich Art-Deko-Fenstern, das Geschehen.

Im letzten Teil tanzen die Tänzer*innen zu viert oder im Duett vor den Gazebahnen. Ihre Bewegungen sind geprägt von Elementen der Kontaktimprovisation. Trage- und Hebefiguren, gemeinsame Sprünge oder Rollbewegungen und das Spiel zwischen Nähe und Distanz sind bestimmend.

NB: Teile der Hintergrundinformationen stammen aus einer Korrespondenz mit Claudia Feest am 30.08.2017.


1Carley, Jacalyn: „Choreographic Works 1979 – 1999“. http://jacalyn-carley.com/wp-content/uploads/sites/3/2013/12/Carley-Choreography-1977-to-1997.pdf (abgerufen am 31.08.2017)

2Feest, Claudia: zitiert aus der persönlichen Email Korrespondenz mit der Choreographin und Tänzerin vom 30.08.2017.

3Ebenda.

4„Ist es nicht so“,[fragte sie zu dem Kranken herüber,] „daß, wenn einmal der Kranz all dessen, was dir widerfuhr, gewunden ist, dein Ich sogleich verschwindet in seinem hohlen inneren Kreis, in seinem Hohl?“ aus: Botho Strauß: Kongreß. Die Kette der Demütigungen, Matthes&Seitz, München 1989, S. 82.

Gruppe / Compagnie / Ensemble
Choreographie
Darsteller
Bühnenbild
Kostüm
Licht
Video
Standorte
MCB
Reihe
Sprache
de
Aufnahmedatum
Samstag, 24. November 1990
Orte
Stadt
Berlin
Land
Deutschland
Kamera
Lutz Gregor
Länge
75 min