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Familientreffen

Autorenschaft
Beschreibung

Familientreffen / Marthaler Theater im Grand Hotel. Es ist ein Familientreffen der besonderen Art, das da vor der Kulisse und in der Einsamkeit der Schweizer Berge stattfand: ein altehrwürdiges Hotel und ein alteingespieltes Theaterensemble, die sich beide als Familienbetriebe verstehen, verbinden sich zu einem wunderlich-schönen Theaterprojekt und werden prompt zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Und können natürlich nicht kommen, zumindest das Hotel nicht, denn diese Aufführung ist ohne das Hotel gar nicht denkbar. Also muss das Theatertreffen in diesem Jahr mit einer Unbekannten leben. Denn das "Waldhaus Sils“ im schweizerischen Engadin liegt abseits der üblichen Theatermetropolen und ist von da aus auch gar nicht so einfach zu erreichen. "Das Theater mit dem Waldhaus“, so nennt Christoph Marthaler sein Stück, das er mit seinen Schauspielern in den Räumen des "Waldhaus“ zur Aufführung gebracht hat. Da treffen zwei Phänomene der Entschleunigung aufeinander, die wie füreinander geschaffen sind: das Hotel, das abseits der Touristenströme seit hundert Jahren als Familienbetrieb geführt wird und seine Eigenwilligkeit genauso zelebriert wie der Regisseur Christoph Marthaler, der seine Theaterstücke mit seinen Schauspielern und Musikern zusammen entwickelt. Und sich dabei viel Zeit lässt. Dem unbefangenen Beobachter scheinen die Proben des Marthaler-Ensembles nicht unbedingt einem vorgefertigten Plan zu folgen, eher einer seltsamen Arbeitsmethode: dem genussvollen Totschlagen von Zeit durch gemeinsames Singen. Am Ende sind es dann die so typischen Volkslieder, Chansons und Melodien, die das musikalische Gerüst einer Marthaler-Aufführung geben. Und was für ein Gesang: kein anderes Ensemble kann selbst ausgelaugteste Melodien mit einer solchen Sehnuschtssattheit erklingen lassen und dabei gleichzeitig so beiläufig singen, als komme die Melodie gerade zufällig von irgendwoher. Dabei ist das Aufeinandertreffen von Hotel und Theater kein Zufall, sondern in der Gestalt von Jürg Kienberger angelegt, langjähriger Mitspieler in vielen Marthaler-Stücken und gleichzeitig der Hotelfamilie zugehörig. Der Film von Sarah Derendinger begleitet die Probenarbeiten des Marthalerensembles in einem Hotel, das zur "Zwischensaison“, der alljährlichen Schließzeit, wie bei einem Schönheitsschlaf zur Ruhe kommt, unterbrochen nur von den anstehenden Renovierungsarbeiten und dem Gesang der Schauspieler. Selten hatte eine Kamera einen so direkten und nahen Zugang zu den Proben des Marthaler-Ensembles. Nur einer fehlt dabei: Jürg Kienberger, der Initiator des Projektes, musste sich genau zur Probenzeit einer Operation unterziehen. Und kommentiert das Geschehen vom Krankenhausbett aus: "Eingefädelt ' aus der Traum!“ // Thomas Bernhard, Joseph Beuys, Luchino Visconti: Lang ist die Liste der illustren Gäste, die im Grand Hotel Sils weilten. Zum 100. Geburtstag des traditionsreichen Hauses im Schweizerischen Engadin hatte sich Christoph Marthaler mit seinem Schauspielerensemble dort einquartiert. "Das Theater mit dem Waldhaus" heißt das Stück, mit dem er das Hotel bespielte. Da die Inszenierung nicht beim Theatertreffen in Berlin aufgeführt werden kann - sie ist an das Waldhaus gebunden - ist dort stattdessen eine Dokumentation über die Proben zu sehen: Sarah Derendingers Film "Familientreffen". 3sat zeigt den Film, der beim internationalen Filmfestival "Visions du Réel" als bester Newcomer-Film ausgezeichnet wurde, als drittes seiner vier "Starken Stücke". Teppiche werden eingerollt, Möbel zugedeckt: Das Grand Hotel Waldhaus Sils in den Schweizer Bergen geht in die Zwischensaison. Ruhe ist eingekehrt, die nur von Renovierungsarbeiten und schwermütigem Gesang unterbrochen wird. Mit endlosen Singproben rauben Regisseur Christoph Marthaler und seine Theaterfamilie dem Hotel den Schlaf. Sechs Wochen geht das so, bis zur Premiere von "Das Theater mit dem Waldhaus". Nur einer fehlt bei den Proben: Jürg Kienberger, Sohn der Hotelfamilie und Musiker des Marthaler-Ensembles. Er schlägt die Zeit nach einer Knieoperation tot und macht die Rehaklinik zu seiner einsamen Bühne. Aus der Distanz reflektiert er mit selbstironischer Leichtigkeit die Entstehung einer Marthaler-Inszenierung, lüftet das Geheimnis, ohne es zu verraten. Währenddessen lassen die Schauspieler Geister aus der 100-jährigen Hotelgeschichte aufleben. Der Film von Sandra Derendinger begleitet die Probenarbeiten des Projekts im Hotel Waldhaus Sils und lässt die Zuschauer Teil der Theaterfamilie werden. Selten hatte eine Kamera einen so direkten und nahen Zugang zu den Proben des Marthaler-Ensembles. Über Christoph Marthalers "Das Theater mit dem Waldhaus" sagt die Jury des Theatertreffens: Marthaler beschwört einen Totentanz, in dem die Geister berühmter Gäste des Hauses (zu denen Marc Chagall, Albert Einstein und Richard Strauss gehörten) wieder aufzuerstehen scheinen, er erzählt von Heimweh und Fernweh, von der Wehmut des Reisenden und dem Abgrund, der in jedem Hotelgast und in jedem Hotelbediensteten wohnt. Nebenbei lehrt diese Aufführung, dass das Theater jeden Ort der Welt in eine Bühne zu verwandeln vermag." (Beide Quellen: 3sat)

Regie
Darsteller
Christoph Marthaler, Ueli Jäggi, Claudia Carigiet, Sasha Rau, Josef Ostendorf, Nic Rosat, Olivia Grigolli, Raphael Clamer, Graham Valentine, Rosemary Hardy, Bettina Stucky, Christoph Homberger, Jürg Kienberger
Standorte
MCB
Aufnahmedatum
Samstag, 16. Mai 2009
Orte
Stadt
Sils
Land
CH
Kamera
Matthias Kälin, Sarah Derendinger
Länge
60 min