INTERNATIONALES THEATERINSTITUT / MIME CENTRUM BERLIN

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MCB-TV-12177

Sündflut

Autorenschaft
Beschreibung

DIE SÜNDFLUT

von Ernst Barlach

Premiere: 16. September 2004

Theater unterm Dach Berlin



Barlach holt sich "seinen Krempel" von der Straße, seine Abbilder sind ebenfalls nicht "sauber und schön", sondern verdreckt und hässlich. "Der Tod auf dem Misthaufen ist ein anständiger Tod." Mit der Bearbeitung der Sintflutgeschichte, die abgesehen vom Alten Testament auch in vielen anderen religiösen Zeugnissen und Legenden zentral auftaucht, entwirft er ein widerständiges Drama, das gerade die Fragen thematisiert, die in der biblischen Vorlage unbeantwortet und offen bleiben. Wie kann Gott sein eigenes Geschöpf für dessen Fehler bestrafen, woher kommt das Böse, wenn nicht von Gott, dem Schöpfer selbst? Calan und der Aussätzige bekommen die Rolle der Empörer zugewiesen, sie verkörpern diese offenen Fragen, einmal in wohlhabender Gestalt und einmal als vergessener hässlicher Rest der Welt. In der Macht und im Elend verbergen sich gleichermaßen die Zweifel am guten Willen Gottes. Calans Ideal ist die Selbstbestimmtheit, die Freiheit, Ungebundenheit und ein Egoismus, der zu Brutalität und Rücksichtslosigkeit führt. Noah kämpft um den geschützten Raum des Glaubens, lehnt darüber aber eine eigene Verantwortung ab. Er verleitet sich selbst und andere zu Passivität und hinnehmender Demut. Noah, der Gläubige, hält es für völlig normal, dass die Ausrottung anderen zugedacht wird. Calan, der Schlächter, begräbt seinen Knecht wie ein Kind. Noah ist auserwählt, er hat die richtige Nummer gezogen, während Calan unter Qualen krepiert. Gut und Böse, diese polarisierenden Begrifflichkeiten, wachsen aus einem Holz.


Barlach lässt Gott persönlich auftreten, er ist der Reisende oder Bettler, der durch die Geschichte wandert. In Susanne Truckenbrodts Inszenierung wird er zum Aktionskünstler, der am Gesamtbild formt. Er ist, wie Nitsch oft formuliert, als Künstler "in seinen eigenen Bildern", also Teil des Kunstwerkes.


Die Kritiken der Uraufführung 1924 am Landestheater Stuttgart schwankten zwischen großartigem Abend und reinem Dilettantismus und Langeweile. Barlachs Form der Einfühlung statt Abstraktion und sein Theaterverständnis, das dem Naturalismus und Symbolismus verhaftet ist, stößt ähnlich wie Nitschs "Inszenierung des Schlachthofes" ab und zieht zugleich magnetisch an. Wenn Barlach mit bezug auf seine realistische Darstellungsweise zu dem Schluss kommt: "Der Mensch und seine Geste besagen genug", meint er gleichzeitig auch eine mystische Anschauung der Dinge, die hinter die Masken schaut, um den verborgenen Wesensgehalt aufzudecken: "Das Phänomen Mensch ist auf quälende Art von jeher als unheimliches Rätselwesen vor mir aufgestiegen. Ich sah am Menschen das Verdammte, gleichsam Verhexte..." Diese Verbindung von Realismus und Mystik macht es so schwierig, Barlach zu inszenieren und löst gleichzeitig diese Kraft und Faszination aus, die von seinem Werk, aber auch von ihm ausgeht. Seine Figuren werden immer zu Personifikationen von ungenehmen Widersprüchen.


Nachdem Susanne Truckenbrodt 1997 Ernst Barlachs FINDLING im Rahmen der "Deutschlandtage" für die 47. Berliner Festwochen inszenierte, nähert sie sich nun ein zweites Mal diesem eigenwilligen Künstler. Die Inszenierung beinhaltet Abkehr und Zuwendung zum Text in einem, sie belässt ihn in seiner Mystik und modernisiert ihn gleichzeitig. Sie bewegt sich mit radikaler Material- und Körperverschwendung zwischen Gläubigkeit und Ungläubigkeit, zwischen einem naturalistischen Zugriff und verschiedenen Stilmitteln der Abstraktion hin und her. Ernst Barlach und Hermann Nitsch sind in dieser Verbindung gute Partner für die Behauptung und Verweigerung von Aussagen. Die Sintflut wird zur ekstatischen, aber sinnlosen Angelegenheit, ein fanatischer Feldzug und gleichzeitig inkonsequent in dem Wunsch nach Auslöschung und Erneuerung. Das vermeintliche Ende ist ein wiederkehrender Beginn mit den bekannten Chiffren. Die Arche ist Schiff, Arbeitsamt, Krisengebiet, Schlachtfeld, Grab oder Designersofa, die Warteschlange davor steht im Dreck. Das Hoffen auf Arbeit, auf Glück, auf Heilung, das Hoffen auf das bessere Leben, auf das Überleben, die Hoffnung darauf, auserwählt zu sein oder verschont zu werden, dauert an.


/ CREDITS /

REGIE: Susanne Truckenbrodt

MUSIK: Daniel Dorsch

DRAMATURGIE: Peggy Mädler

BÜHNE: Mirella Weingarten

KOSTÜME: Halina Kratochwil

LICHT: Klaus Dust

TECHNISCHE LEITUNG: Matthias Schäfer

REGIEASSISTENZ: Jasmin Krausch, Paul Hartkopp

TECHNIKASSISTENZ: Michel Pürschel, Zolle

LAYOUT: Andres Castoldi

PHOTOS: Caroline Ortteni / Martin Brosch / Marcus Lieberenz

PRODUKTIONSLEITUNG: Klaus Dörr

 

Gott: Werner H. Schuster

Noah: Uwe Schmieder

Ahire, seine Frau: Christine Kugler

Sem, sein Sohn / Nachbar: Thomas Mai

Ham, sein Sohn / Nachbar: Mathias Kusche

Japhet, sein Sohn / Nachbar: Wolf Scheidt

Calan: Matthias Horn

Chus, sein Knecht: Cem Sultan Ungan

Awah: Nicole Janze

Zebid: Rahel Ohm

Ein buckeliger Aussätziger: Adolfo Assor

Ein junger Hirt: Andreas Uehlein

Chor der Engel: alle

   

Aufführungsrechte

Jussenhoven & Fischer


Gefördert durch die StiftungKulturfonds, den Fonds Darstellende Künste e.V., Bonn und das Bezirksamt Pankow von Berlin.




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Standorte
MCB
Sprache
DEU
Aufnahmedatum
Donnerstag, 16. September 2004
Orte
Stadt
Berlin
Land
GER