INTERNATIONALES THEATERINSTITUT / MIME CENTRUM BERLIN

MEDIATHEK

FÜR TANZ

UND THEATER

MCB-SV-965

Das Jahrhundert des Theaters (5/6)

Autorenschaft
Beschreibung

Teil 5: Die Kinder von Marx und Coca Cola - Das Theater der Revolte (1963 - 1976), TV-Regie: C. Rainer Ecke, 60 Min.
Teil 6: Helden der Postmoderne - Das Theater zwischen Selbstbesinnung und Grenzüberschreitung (1970 - 2001), TV-Regie: Matthias Schmidt, 60 Min.

Mit zahlreichem Archivmaterial.

Teil 5:
Die Konflikte in der Welt vervielfachen sich: Die Kuba-Krise, die Berliner Mauer, die Ermordung Kennedys und Martin Luther Kings, der Vietnam-Krieg und der Sechstage-Krieg im Nahen Osten, der Pariser Mai und der Prager August 1968: Das neu erwachende politische Bewusstsein führt zu Demonstrationen, politischen Kämpfen und zu künstlerischen Provokationen. Es ist ein Jahrzehnt der Proteste und zweier weltweit Aufsehen erregender Prozesse. In Jerusalem steht Adolf Eichmann vor dem Tribunal, in Frankfurt begegnen sich Täter und überlebende Opfer von Auschwitz vor Gericht. Es sind die Jahre, in denen der Aufstieg der Pop-Kultur, die Erfindung der Antibaby-Pille sowie die Verbindung von Neo-Marxismus und Psychoanalyse das Lebensgefühl und die Lebensrealität der „Kinder von Marx und Coca Cola“ (Jean-Luc Godard) entscheidend verändern. Die Studentenrevolte stellt tradierte Hierarchien in Frage, die Pop-Bewegung schleift Barrieren zwischen der Hoch- und Unterhaltungskultur - und die Energien von Pop und Protest befeuern, attackieren und animieren auch das Theater!

Das „La Mama“, das „Bread and Puppet Theatre“ und das „Living Theatre“ aus New York öffnen dem Theater neue Räume und Spielplätze - unter anderem auch die Straße. Luca Ronconi macht in Italien seinen „Orlando Furioso“ zum Hallen- und Massenspektakel. In Paris rufen die Studenten ihre Mai-Revolution im Théâtre Odeon aus und Ariane Mnouchkine (Foto) und ihr „Théâtre du Soleil“ bringen die Revolution grandios ins Spiel ein (unter dem Titel „1794“). Damit beginnt auch eine Erneuerung des politischen, populären Volkstheaters, das sich vor allem in dem Theater von Dario Fo zeigt.

In Polen zeigt die Revolte gegen den schönen Schein ein anderes, dunkles Gesicht: Jerzy Grotowski knüpft an Antonin Artauds Ideen eines „Theater der Grausamkeit“ und der „Heiligkeit“ an. Josef Szajna übersetzt die eigene Erfahrung der Konzentrationslager in szenische Meditationen des Schreckens und der Hoffnung. In Deutschland wird das Theater in Bremen zum Ort der Erneuerung: die Regisseure Peter Zadek, Peter Stein und Klaus Michael Grüber rücken mit ihren Protagonisten (Bruno Ganz, Edith Clever, Jutta Lampe u. a.) die Stücke von Shakespeare, Goethe oder Wedekind in eine emphatische Zeitgenossenschaft. Der ebenfalls in Bremen engagierte Bühnenbildner Wilfried Minks zitiert in seinen lichthellen Räumen vom Filmbild bis zum Comic-Strip die Ikonen der Pop-Kultur.

Auch das Drama spiegelt diese Zeit: Schon Genets „Balkon“ und seine „Wände“ reißen die Mauern zwischen Theater und Politik, zwischen ästhetischem Schein und kriegerischer Revolte ein. Peter Weiss schreibt mit seinem „Marat/Sade“ ein Schlüsselstück: Die Konfrontation des hedonistischen Individualisten de Sade mit dem asketischen Sozialrevolutionär Marat ist auf der Bühne und in Peter Brooks Theaterverfilmung ein Welterfolg. Peter Handke schließlich überträgt die Auftritts- und Agitationsrituale der Studentenrevolte ebenso wie die der Pop-Bands aufs Theater: Seine „Publikumsbeschimpfung“ wird 1966 von Claus Peymann uraufgeführt.

Noch sind die „jungen Wilden“ in der Opposition. Doch bereits 1970, als Peter Stein in Berlin die Schaubühne am Halleschen Ufer gründet, beginnen die Revolteure selber die Macht in den Theatern zu übernehmen. Nun regiert das neue Regie-Theater.

Teil 6:
Das Theater am Ende des Jahrhunderts drängt die zeitgenössischen Dramatiker an den Rand. Nur auf der angelsächsischen Szene dominiert auch nach den kulturellen und politischen Erschütterungen des Dezenniums weiter die Tradition des gesellschaftlichen Zeitstücks, des well made plays. Und es gibt weitere Ausnahmen: Thomas Bernhards Stücke entwickeln eine eigene dramatische Rhetorik und werden vor allem in Claus Peymanns Stuttgarter, Bochumer, Salzburger und Wiener Inszenierungen mit Bernhard Minetti, Marianne Hoppe, Kirsten Dene und Gert Voss zu Schauspieler-Festen. Botho Strauß entwickelt brillante Formen der intellektuellen Gesellschaftskomödie (in Regie von Peter Stein, Dieter Dorn, Luc Bondy). Franz-Xaver Kroetz erneuert in der Tradition Horváths das dialekt-kritische Volksstück; Bernard-Marie Koltès und Peter Handke steigern das Gesellschaftsstück zum Mysteriendrama.

Vor dem Berliner Mauerfall schärfen neuere russische Stücke und die Texte Václav Havels, Heiner Müllers, Volker Brauns und Christoph Heins das Bewusstsein für den Zerfall des irreal gewordenen Sozialismus. Als Gegenbilder zeigt eine Welle jüngster englischer Dramatik nach der Wende die Schattenseiten des siegreichen Kapitalismus. Trotzdem dient die Bühne immer weniger als Tribunal der Aufklärung, der Enthüllung oder der Anklage. Die elektronischen Medien sind zu schnell und allgegenwärtig, um dem langsamer (re)agierenden Theater noch Raum und Zeit zu lassen für das „aktuelle“ Zeitstück. Den Geist der Zeiten spiegeln schon seit den sechziger Jahren eher die mit historisch-soziologisch geschärftem Blick gelesenen Klassiker. Nicht nur in Shakespeare entdecken Regisseure wie Peter Brook und Peter Zadek unseren imaginären „Zeitgenossen“ (Jan Kott). Was zwischen den Zeilen der alten, an Poesie reichen Stücken steht, ihr Subtext oder „secret play“ (Peter Brook) wird nun zum „aktuellen“ Ereignis - und der Regisseur zum szenischen Mit-Autor.

Diese vorerst letzte Stufe des modernen Regietheaters baut vor allem auf den Shakespeare-Inszenierungen Peter Brooks, Peter Zadeks, George Taboris, Ariane Mnouchkines, Robert Lepages, Heiner Müllers und nicht zuletzt Luc Percevals auf. Sie stehen im Kontrast und Wechselspiel mit Peter Steins „Orestie“, an der Berliner Schaubühne mit Mnouchkines Pariser „Atriden“ oder den extremen Ausweitungen und Verdichtungen in den Inszenierungen Klaus Michael Grübers („Die Backchen“, „Die Winterreise“, „Faust“).

Schlägt das Pendel - gleichsam als Zeichen der Post-Moderne - auch wieder zurück? Stein dementiert seine Anfänge und Glanzzeiten und setzt dagegen als neue Werktreue seine Version des ganzen „Faust“. Zugleich floriert das Theater der Dekonstruktion gegebener Texte bei Frank Castorf und seinen Jüngern. Entschiedener noch entgrenzen Regisseure wie Robert Wilson, Peter Sellars, Christoph Marthaler (im Bild: "Murx den Europäer! Murx ihn, murx ihn, murx ihn ab"), Barberio Corsetti und Robert Lepage das literarisch-dramatische Theater und öffnen die Bühne auch ihren Schwesterkünsten: Musik, Bildern, Sprache, Tanz und Film/Video. Ähnlich wie Pina Bausch den Tanz dem Theater und der Bildenden Kunst öffnet, nähert sich das Theater, das Drama hier seinen Grenzen - und belebt zugleich seinen ältesten Traum: den Traum vom Gesamtkunstwerk.

(Quelle: 3sat Programm)

Regie
Standorte
MCB HFS
Aufnahmedatum
Dienstag, 01. Januar 2002
Land
DE
Kamera
Roland Rippl, Herbert Narr, u.a. (5) Harald Beckmann, Michael Grieb, Thomas Gutberlet, Matthias Metzner (6)
Länge
120 min