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MCB-SV-3628

Visueller Avantgardist: Peter Greenaway im Gespräch

Autorenschaft
Beschreibung

"Visueller Avantgardist. Peter Greenaway zu Gast bei "Kulturzeit". Er ist ein Multi-Talent der visuellen Inszenierung: der britische Kultregisseur Peter Greenaway. In seinen Filmen verwischen die Grenzen zwischen Malerei, Theater, Architektur und Fotografie, er hat dem Kunstkino eine neue Bildsprache gegeben. Nun präsentiert er sein aktuelles Projekt "The Tulse Luper Suitcases - A Personal History of Uranium" - ein synästhetisches Spektakel auf sechs Riesenleinwänden. Peter Greenaway zelebriert am Wochenende des 13. und 14. Juni 2009 in Paris, wofür er berühmt ist: visuelle Obsession - mediale Grenzsprengung. In Echtzeit "komponiert" er einen Film. Seine DJ-VJ-Performance heißt "The Tulse Luper Suitcases - A Personal History of Uranium". Erst Maler, dann Cutter, dann Regisseur. Die Liebe Greenaways zum Bild hat eine lange Geschichte - und sie geht quer durch alle Genres und Kunstformen. Maler war er und zehn Jahre Filmcutter - bis er schließlich ins Regiefach wechselt. 1982 kam der Durchbruch mit "Der Kontrakt des Zeichners", einem Kriminalrätsel um Verführung und Mord. Im Mittelpunkt steht der Maler Neville. Greenaway präsentiert 1000 Andeutungen und keine Auflösung. Es ist ein intellektuelles Vexierspiel, das die Erzählkonventionen bricht. Von nun an steht der Name Greenaway für die ganz große europäische Kinokunst. Doch es gibt fast nichts Schlimmeres als Erfolg - jedenfalls für Peter Greenaway. Die Dynamik der Informationsgesellschaft hasst er ebenso wie die Zwänge der Filmindustrie. Dem Mainstream-Kino wirft er "visuellen Analphabetismus" vor und wendet sich ab. Wer erzählen wolle, solle Schriftsteller werden, so Greenaway. Ihm geht es um Bilder, um seltsame Verweissysteme, kuriose Vorfälle, schwarzen Humor - wie in der skurrilen Rachetragödie "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" von 1989. Experimente mit vielen Kunstformen. Greenaway testet hier im wörtlichen Sinne die Grenzen des guten Geschmacks: Fresssucht, Sex, Kannibalismus - der Film darf in den USA nicht gezeigt werden. Immer wieder probiert sich Greenaway auch in anderen Kunstformen. Mit seiner Ehefrau Saskia Boddeke inszeniert er 2001 am Schauspiel Frankfurt "Gold/ 92 bars in a crashed car". Das Stück ist ein Erzählmosaik über den Nazi-Raub an jüdischem Gold, über die Börsenhörigkeit der heutigen Welt und über Peter Greenaways Schlüsselzahl: 92. Es ist die Ordnungszahl des Urans, von jenem Element, mit dem sich die Welt verändert hat und das ihr Ende wahrscheinlicher macht. Im Kino selbst bleibt Greenaway einem exzessiven Formalismus treu. Das bringt ihm den Vorwurf der Kälte ein. Andere feiern ihn als "Maler der Bildleinwand". "Nightwatching" aus dem Jahr 2006 ist ein Historienkrimi über eines der berühmtesten Gemälde der Geschichte: Rembrandts "Nachtwache". Der Film behauptet, Rembrandt habe in seinem Bild Indizien für einen Mord festgehalten und sei schließlich selbst Opfer der Intrigen geworden. "Das Kino ist keine Spielwiese für Sharon Stone", sagt Greenaway und sucht unermüdlich nach neuen Möglichkeiten. Seine Vision ist ein Cinema Total. Seit 2003 widmet er sich dem ehrgeizigen Experiment einer visuellen Enzyklopädie. "The Tulse Luper Suitcases" heißt das Multimedia-Projekt über eine fiktive Figur namens Tulse Luper. Drei Filme, zwei Bücher, 92 DVDs, Webseiten und Installationen gibt es bislang - und seit 2005 auch die "Tulse Luper World Tour", mit der Greenaway jetzt in Paris war. Das Kino allein beschäftigt ihn schon lange nicht mehr: Peter Greenaway ist ein visueller Avantgardist, auf der Suche nach dem postcineastischen Meisterwerk.

Darsteller
Peter Greenaway, Cécile Schortmann
Standorte
MCB
Reihe
Aufnahmedatum
Mittwoch, 10. Juni 2009
Stadt
Berlin
Land
DE
Länge
16 min
Schlagworte