INTERNATIONALES THEATERINSTITUT / MIME CENTRUM BERLIN

MEDIATHEK

FÜR TANZ

UND THEATER

MCB-DV-8990

Das Auge im Ohr – Vertanzter Atlas der menschlichen Anatomie

Beschreibung

Das Auge im Ohr 

I. Das Auge im Ohr (Untertitel Vertanzter Atlas der menschlichen Anatomie) ist ein abendfüllendes Stück von Ka Rustler, das 1994 uraufgeführt wurde. Zusammen mit Lisa Schmidt widmet sich Rustler in dieser Choreographie der Bewegungsforschung, die ihre Inspiration in der von Bonnie Bainbridge Cohen begründeten Body-Mind-Centering® (BMC) findet, die Rustler im Rahmen ihrer Ausbildung in den USA studierte. Das Auge im Ohr ist „das Ergebnis einer langjährigen intensiven Auseinandersetzung mit den verschiedenen Körpersystemen auf der Grundlage des BMC und dem Tanz.“1 Die beiden Tänzerinnen testen die Fähigkeit, sich in bestimmte Körperregionen und Teile hineinzubegeben und von dort aus Bewegungen zu generieren.2 Unbekannte Wege werden ergründet und neue Bewegungsqualitäten entdeckt.  „Wir versuchen von eigenen Körpersystemen zu tanzen. Von Organen, Gelenken, Knochen, Gelenkflüssigkeiten, Nerven und Nervensystemen. Was bei mir viel passiert sind innere körperliche Bilder. Gelenkflüssigkeiten, Bläschen in den Gelenken, Blut fließt, das Auge kommt aus den Ohren.“3

Auch in In Haut und Haar (1996) sowie in früheren gemeinschaftlichen  Choreographien wie Fragile Circumstances (mit Kurt Koegel, 1989) und Secret Correspondance (mit Dieter Heitkamp und Kurt Koegel, 1991) flossen Impulse von BMC mit ein.4


II. Auf einer zunächst verdunkelten Bühne, die bald in ein kühles Licht getaucht ist, bewegen sich die beiden Tänzerinnen hinter und vor einem Vorhang aus Gaze. Gekleidet sind sie in weiß, mit einer langen weiten Hose und einem im Rücken geschnürten Oberteil. Teilweise werden auf die Gaze und auf eine Leinwand im Hintergrund auch Filmaufnahmen von Körpern (u.a. auch Rustlers und Schmidts), Herzfrequenzlinien und verschiedene Bilder projiziert. Diese entsprechen dem Organ, Gelenk oder dem anderen Körperteil, mit dem sich Rustler und Schmidt in der jeweiligen Szene auseinandersetzen. So sind die Szenen betitelt mit Lungenleben, Die Ellenbogen, SynapsenDuett im Ohr, Das VenenklappenSolo, HerzPhrase, GehirnReprise, LymphenBegrenzung, Das Mark der Knochen und Liquor der Langsamkeit.

Zittern, Beugungen des Oberkörpers, minimale Bewegungen von Armen, Schultern und Muskeln die von abrupten Schwüngen und in sich gedrehten, spiral-artigen Bewegungen durchbrochen werden, prägen Rustlers Solo. Im Duett bedienen sich die beiden Tänzerinnen der Techniken der Contact Improvisation. Es entsteht ein Spiel aus Heben, Schieben, Stützen und die Körper formen sich gegenseitig in konvexen und konkaven Bewegungen. Rustler hält den Ellenbogen von Schmidt, die ihn als Bewegungsachse nutzt. Durch Verschiebungen generiert Schmidt Bewegungen, die vom Ellenbogen ausgehend entstehen. Zusammen mit den Projektionen im Hintergrund entsteht ein sanftes und fließendes Miteinander, geprägt von gewinkelten Armen und ruhigen Bewegungen, die durch schnelle Drehungen aufgebrochen werden. Teilweise synchron gehen die beiden Tänzerinnen ihrer Bewegungsforschung nach, wobei sie sich immer wieder im Körperkontakt begegnen. Es entsteht der Eindruck, dass sie bestimmten Körperteilen folgen. Sie schleudern sich einem ausgestrecktem Arm hinterher, folgen ihren Fingerkuppen oder sind versunken in ihren eigenen Flüssigkeitskörper. Schmidts Solo, umgeben von Gaze, löst die ruhigere Szene durch eine bewegtere Dynamik von Sprüngen, Klatschen und Armbewegungen ab. Bodennahe lineare Bewegungen, Diagonalen, sanftes Heben sowie Drehungen prägen das letzte Duett zwischen Rustler und Schmidt, in dem sie abermals die Technik der Contact Improvisation nutzen.

Inventarnummer der Akademie der Künste: AVM-33 10064 (https://archiv.adk.de/objekt/2926605 )


1Rustler, Ka, in: Das Auge im Ohr, Programmheft, Tanzfabrik (Archiv: AnnA Stein). 

2Ab Jetzt (1994). [Fernsehsendung], ORB, Sancoussi Film, Länge o. A., AdK Archiv, 10066/3.

3Ticket (1994). [Fernsehsendung], SFB, Länge o. A., AdK Archiv, 10066/3.

4Feest, Claudia: „Prolog“, in: Feest, C., Tanzfabrik e.V. (Hg.): Tanzfabrik Berlin, Berlin, Hentrich & Hentrich, 1998, S. 6-10, hier S. 8, sowie Henne, Claudia: „Immer unterwegs – eine lange Geschichte phantastischer Reisen“, in: Feest, C., Tanzfabrik e.V. (Hg.): Tanzfabrik Berlin, 1998, a.a.O., S. 32-39, hier S. 34f.

Regie
Gruppe / Compagnie / Ensemble
Choreographie
Darsteller
Bühnenbild
Kostüm
Musik
Licht
Video
Standorte
MCB
Reihe
Aufnahmedatum
Samstag, 11. Juni 1994
Orte
Stadt
Berlin
Länge
66 min