INTERNATIONALES THEATERINSTITUT / MIME CENTRUM BERLIN

MEDIATHEK

FÜR TANZ

UND THEATER

MCB-DV-7566

Tanzwut

Beschreibung

Let's come together and dance.
We are the movement and we are the groove.
Our bodies extend into each other until complete dissolving.
Here and Now, the dance floor is ours.
Out of space and out of time, only devotion counts.

Tanzwut bringt Gleichgesinnte zusammen, welche das Ausbrechen aus sozialen Normen und das Überschreiten persönlicher Grenzen durch Tanz erproben wollen. Durch die Jahrhunderte hindurch tritt Tanz immer wieder einerseits als Medium der Befreiung und Ekstase und andererseits als Medium der Disziplinierung und Heilung des Körpers auf. Die mittelalterliche Tanzplage, die Tarantella, religiöse und spirituelle Praktiken und die Clubbing Culture, sind nur einige Beispiele dafür. Inspiriert von diesen Phänomenen fragt Tanzwut nach der Funktion von Tanz in unserer heutigen Gesellschaft und deklariert das Theater zum Raum der Befreiung.

Tanzwut entstand aus einer Recherche zu dem Thema: "Tanz als Krankheit und Tanz als Heilung - ein Ausbruch aus dem Körper". Das Stück inspiriert sich dabei an Phänomenen bei denen der Körper nach Ekstase sucht, sie erreicht und im Zuge dessen aus sich heraus bricht. Dieses Herausbrechen kann in zahlreichen Religionen wie auch sozialen Ereignissen wieder gefunden werden und nimmt dabei ganz unterschiedliche Formen an. Die Choreografin Anne-Mareike Hess hat sich im Probenprozess zu Tanzwut intensiv mit diesem Wunsch des Ausbruchs beschäftigt und sich dazu u.a. an folgenden Phänomenen inspiriert:

DIE TANZPLAGE ' auch Veitstanz, Tanzsucht oder Choreomanie genannt ' bezeichnet ein Phänomen welches zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert besonders in Westeuropa (DE und LU) auftrat und welches als epidemische Volkskrankheit wahrgenommen wurde. Über mehrere Jahrhunderte hinweg "befiel" sie Menschengruppen, manchmal mehrere Hunderte, die dann viele Stunden oder auch Tage unkontrolliert "tanzten", bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen und manchmal sogar starben. Die Theorien über die Gründe dieser spontanen Ausbrüche der Tänze sind genauso zahlreich wie diffus und verdeutlichen den skandalösen Charakter und die Irritation, welche dieses un(be)greifbare Phänomen in der damaligen Gesellschaft hervorgerufen hat. Die Tanzplage scheint ein Sammelbegriff für alle unerklärlichen und aus der Norm fallenden Bewegungsabläufe und Ereignisse dieser Zeit gewesen zu sein und sie bot dadurch auch zahlreichen ganz unterschiedlich motivierten Menschen einen Experimentier- und Gegenraum für sozial und / oder religiös widerständiges Verhalten ' eine Art utopischer Raum, in dem für kurze Zeit die geltenden gesellschaftlichen, sittlichen und körperlichen Normen außer Kraft gesetzt werden konnten.

DER TARANTISMUS (Süd Italien) beschreibt den landläufigen Glauben, dass der Biss einer Tarantel seine meist weiblichen Opfer in den Wahnsinn und späteren Tod treibt. Die einzige Methode um die Frauen vor diesem Schicksal zu bewahren, war der Tanz. So mussten die gebissenen Frauen, begleitet von Musik, so lange wahnhaft und fieberhaft tanzen, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen und die Krankheit besiegt war. Die repetitive Musik mit den Schlägen des Tamburins und dem Gesang, sollen den Herzschlag der Frau imitieren und sie dadurch zu ihrem eigenen Lebensrhythmus zurückführen. Dass diese Ausbrüche nichts mit einem Tarantelstich zu tun haben liegt auf der Hand, vielmehr war dieses gesellschaftlich akzeptierte Ritual, eine Art für die Frau aus der Depression des Alltags und ihrer unterdrückten Rolle in der Gesellschaft auszubrechen.

Des Weiteren spielen RELIGIONEN welche in ihrem Glauben Trancezustände und Besessenheit von Göttern oder Dämonen praktizieren ' wie z.B. die Santeria (Kuba), der Voodoo (Haiti), der Candomblé (Brasilien), die Yoruba (Westafrika), aber auch der Schamanismus ' eine Rolle. In diesen Religionen gibt es ganz bestimmte Zeremonien aus Musik und Tanz, in denen die Götter in einen Menschen einfahren und durch ihn sprechen. In diesem Kontext ist auch der katholische Exorzismus zu erwähnen, bei dem es darum geht den Besessen von seinen Dämonen wieder zu befreien durch u.a. das repetitive Wiederholen von Gebeten.

Neben diesen historischen Phänomenen und Religionsgebundenen Praktiken haben im Entstehungsprozess zu Tanzwut aber auch zeitgenössische Phänomene wie die PARTYS und RAVES der TECHNO SZENE, die Hardcore Konzerte mit ihren choreografischen Elementen der Death Walls und des Mosh Pits, Gabriele Roth's "5rhytm dance" und sonstige Nischenphänomene, welche uns die Möglichkeit der Trance und Befreiung ermöglichen, als Quelle gedient.

ANNE-MAREIKE HESS (D/LUX) ist Tänzerin und Choreografin. Sie erhielt ihre Ausbildung in Musik und Tanz am Konservatorium in Luxemburg, am TROIS C-L, an der HfMDK in Frankfurt/Main (2002-2006 Diplom Bühnentänzerin) und am Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz Berlin / Ernst Busch (2008-2010 Master in Choreographie). Anne-Mareike arbeitet als freischaffende Tänzerin und Performerin u.a. mit William Forsythe ("Human Writes"), Eeva Muilu, Zeina Hanna und Rosalind Goldberg. Sie war als choreografische Assistentin für mehrere Choreografen tätig und hat als Dramaturgin für die Choreografin Marina Tenorio gearbeitet. Anne-Mareikes eigene Choreografien wurden bereits in verschiedenen Festivals in Europa und Kanada aufgeführt. 2008 wurde Anne-Mareike zur internationalen "Dance Roads 2008" Tour und zum Festival « Les Repérages » in Lille (Frankreich) eingeladen. 2010 wurde ihre Produktion "Never-ending up north" von National Theater Luxembourg (TNL) koproduziert. 2012 tourte das Stück "I believe that we are having a dialogue", eine Kollaborationsarbeit mit Sandra Lolax, durch Luxemburg, Deutschland und Skandinavien. Die neuen Produktion "Tanzwut" feiert im Herbst 2014 an der Banannefabrik in Luxemburg Premiere. Weitere Vorstellungen folgen am Inkonst in Malmö [SE], JoJo in Oulu [FI] und am Dock11 in Berlin [DE]. Anne-Mareike ist zusammen mit der Regisseurin Miriam Horwitz das Künstlerduos "Horwitz & Hess". Seit 2009 sind unter diesem Namen schon mehre Arbeiten entstanden welche in Skandinavien und Deutschland gezeigt wurden. Mit ihrer aktuellen Produktion "Palais idéal " hatten sie im April 2014 Premiere. In der Spielzeit 2014 - 2015 wird Anne-Mareike die Choreografie machen für das Theaterstück "Ich befürchte jetzt kennen wir uns" (UA) von Autor Ivor Martinic, in der Inszenierung von Miriam Horwitz am Gavella Theatrer in Zagreb. 2012 erhielt Anne-Mareike einen Nachwuchspreis der Stiftung zur Förderung junger Künstler in Luxemburg.

[Quelle: Abendzettel]

jup

Choreographie
Darsteller
Anne-Mareike Hess, Rosalind Goldberg, Sigrid Hirsch Kopperdal, Jorge Rodolfo De Hoyos
Standorte
MCB
Aufnahmedatum
Samstag, 15. November 2014
Orte
Stadt
Berlin
Land
Deutschland
Kamera
Walter Bickmann
Länge
58 min