INTERNATIONALES THEATERINSTITUT / MIME CENTRUM BERLIN

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MCB-DV-5659

Maldoror - Amped

Autorenschaft
Beschreibung

Mit MALDOROR - AMPED legt Christoph Winkler die dritte Arbeit in seiner Reihe BÖSE KÖRPER vor, die sich mit der Darstellung "böser" Charaktere im zeitgenössischen Tanz auseinandersetzt.
Maldoror gilt als eine der literarischen Inkarnationen des Bösen schlechthin, 1874 als einziges Werk des französischen Dichters Lautréamont erschienen. Für den Literaturnobelpreisträger Maurice Maeterlinck ist er "ein schwarzer, zerschmetterter Erzengel von unsagbarer Schönheit", der zahlreiche Elemente des späteren Surrealismus vorweg nimmt.

Christoph Winkler nähert sich der Figur des Maldoror zusammen mit U-Gin Boateng, einem der profiliertesten Krump und New Style Tänzer Deutschlands. Gemeinsam gehen sie den überschneidungen nach, die es zwischen diesem fiktionalen Wesen und den typischen Charakteren der afroamerikanischen HipHop Kultur gibt.

Abendzettel:

"Sein Oberkörper ist der eines Tigers und endet mit einem langen Schlangenschwanz... Was hat er nur auf der Stirn? Ich sehe dort ein Wort in symbolischer Sprache geschrieben, das ich nicht entziffern kann." "Die Gesänge des Maldoror" - Lautréamont

Man weiß nicht viel über den Comte de Lautréamont, der mit bürgerlichem Namen Isidore Ducasse hieß und das, was man mit Mühe an Biographischen herausgefunden hat, hilft nicht unbedingt bei der Erklärung von "Die Gesänge des Maldoror", eines der einzigartigen Werke in der Literaturgeschichte. Ducasse wird am 4. April 1846 in Montevideo geboren als Kind französischer Einwanderer. Seine Mutter stirbt früh. Nach den Wirren des Krieges in Uruguay kehrt er zurück nach Frankreich und besucht ein Internat, später das Gymnasium. Er entscheidet sich früh für eine literarische Laufbahn und beginnt sein Ziel mit großem Ehrgeiz zu verfolgen, unterstützt vom Geld seines Vaters. Drei Ausgaben des ersten Gesangs erscheinen zu Lebzeiten. Die gesamten sechs Gesänge werden vom Verleger aus Furcht vor dem Staatsanwalt zurückgezogen, obwohl bereits mit dem Pseudonym Lautreamont gezeichnet. Kurze Zeit später stirbt Ducasse im Alter von 24 Jahren. Sein Werk erscheint erst viele Jahre später und setzt mit Hilfe der frühen Surrealisten seinen Siegeszug bis heute fort.

"Die Gesänge des Maldoror" ist ein grausames Buch voll von Blasphemie, schamloser übertreibung, grotesk-absurder Metaphorik und ausufernden Vergleichen. Es wechselt die Erzählperspektiven mit Zwischenrufen, Einwürfen und pedantischen Erklärungen, die aber nichts erhellen, sondern dem Leser, der an die Konventionen des literarischen Ausdrucks gewöhnt ist, jede Sicherheit nehmen. Es wimmelt von Tieren; mehr als 185 Arten kommen im Werk vor. Ein schaurig-skurriles Bestiarium tummelt sich in einem Chaos aus Schmutz und Mordlust - "die Krabbe der Ausschweifung, der Krake der
Charakterschwäche, der Hai der individuellen Verworfenheit, die Boa der mangelnden Sittlichkeit und die Riesenschnecke des Idiotismus".

In einer zentralen Strophe vereinigt sich Maldoror mit einem bösartigen Haifischweibchen - seiner ersten Liebe -, in einer anderen Strophe schläft er mit einer Laus, um in einer weiteren Strophe als Adler verwandelt gegen einen tigerköpfigen Drachen zu kämpfen und die Hoffnung zu besiegen. Das Sonderbare und Monströse ist verbunden mit dem Beängstigenden, Obszönen und Jämmerlichen. Lautréamont schafft damit eine "Poesie der Revolte" in der, ganz gleich ob die Grausamkeit Gottes oder eines Tieres beschrieben wird, immer der Mensch gemeint ist - die menschliche Niedertracht, Bösartigkeit, Perversität, Prostitution, sein Sadismus. Die grausamen Szenen von Folter und Qual sind nicht vom Autor erfunden, sondern Abbild der unruhigen Zeiten des Bürgerkriegs, der Aufstände und Streiks.

Sucht man nach Resonanzen dieses Werks in der heutigen Zeit findet man sie eigentlich sofort in den Blasphemien eines Varg Vikernes, eines Pioniers des Black Metals, oder in den Reimen und Lyriken der Gangsta Rapper. Vergleicht man "Die Gesänge des Maldoror" mit einen Auszug aus dem Rap "Mind of a Lunatic" der Ghetto Boys wird klar warum:
"Ich könnte deinen jungfräulichen Leib mit eisernem Arm emporheben, dich bei den Beinen packen und dich um mich kreisen lassen wie eine Schleuder, dann, eine letzte Kreislinie beschreibend, alle meine Kräfte konzentrieren, um dich gegen die Mauer zu schmettern. Jeder Blutstropfen wird auf eine menschliche Brust spritzen, um die Menschen zu erschrecken und ihnen ein Beispiel meiner Bosheit vor Augen zu führen."

"Leavin out her house, grabbed the bitch by her mouth Drug her back in, slammed her down on the couch Whipped out my knife, said, "if you scream, I'm cuttin Opened her legs and commenced the fuckin
She begged me not to kill her, I gave her a rose Then slit her throat, and watched her shake till her eyes closed I'm a homicidal maniac with sucidal tendencies I'm on the violent tip, so yo, get a grip"

Der Gestus der Gewalt ist in der Popkultur angekommen. Anderthalb Jahrhunderte nach dem Original sind die Delirien und Posen der Gewalt und des übersteigerten Egos ganz selbstverständlicher Teil der Unterhaltungskultur. Werden die ersten Gangsta Raps Ende der 80er noch kontrovers diskutiert, so erhält der Rapper Tyler the Creator bei den MTV Awards 2011 die Auszeichnung "Best New Artist" für Texte voller Gewaltphantasien. Seine Dankesrede ist wegen seiner rauhen Sprache so voller Pieptöne, dass die Zeremonie ob ihrer fadenscheinigen Moral als Farce erscheint. Im Video zum seinem Hit "Yonkers" mutiert er nach dem Verspeisen einer riesigen Schabe zu einem schwarzäugigen Zombie und erhängt sich selbst. Dieser Wille mit den Zeichen, Bildern und Codes des Bösen die breite Masse zu unterhalten war der Ausgangspunkt für die Arbeit an "Maldoro - Amped", dem 3.Stück der Reihe "Böse Körper". Dabei ging es weniger um die Thematisierung struktureller Taktiken afroamerikanischer Kultur wie "signifying", "repetition and revision" oder der kommunikativen Tarnung durch Pseudonyme und Akronyme, sondern darum den physischen Ausdruck von Figuren wie des hypersexuellen Schwarzen, des Gangstas oder des atemlosen Krump Hooligan in den Mittelpunkt zu stellen. Das Arsenal der heutigen "Protagonisten des Bösen" ist fast unerschöpflich. Konvulsion, Imitation, oder Bounce - alles Elemente, die wir aus der Perspektive des zeitgenössischen Tanzes für die Theaterbühne befragen.



isrr

Abendzettel
Darsteller
Standorte
MCB HZT
Aufnahmedatum
Freitag, 28. Oktober 2011
Kamera
Walter Bickmann
Orte
Stadt
Berlin
Land
Deutschland
Länge
50 min